Die Geburt. Tag 2.

5 Mai

Es ist Montag, der 11. April 2011. ET+8.

Die Nacht war ein Albtraum. Zuerst war es himmlisch ruhig im Zimmer – aber ich war viel zu aufgeregt um zu schlafen. Als ich endlich müde wurde, ist das Baby der Zimmernachbarin aufgewacht und hat zu weinen begonnen. Was noch gegangen wäre, hätte die Mutter nicht unaufhörlich versucht ihr Kind mit diversen Geräuschen zu beruhigen. Erfolglos versucht es zu beruhigen.
Und so bin ich, trotz Schlaftropfen, die ich mir um Mitternacht geben habe lassen, so gut wie die ganze Nacht wach gelegen. Als ich in der Früh endlich ein wenig schlafen konnte wurde über einen Lautsprecher das Morgengebet (aus der Krankenhauskapelle?) live ins Zimmer übertragen. Und das nicht zu leise.

Ich bin dann in die Dusche geflüchtet und habe mich (wieder) für das Baby hübsch gemacht. Um halb acht bin ich zu meinem Mann raus gegangen, der schon im Eingangsbereich gewartet hat und habe dort das vom Bäcker Mitgebrachte gefrühstückt. Bloß raus aus dem Zimmer. Danach haben wir uns auf die Suche nach unserer Hebamme gemacht.

Es gab das übliche CTG und eine Untersuchung bei der sich gezeigt hat, dass sich nichts getan hat. Also habe ich für eine Stunde einen Tampon mit Nelkenöl und Nachtkerzenöl bekommen. Das eine sollte wehenanregend sein, das andere, soweit ich mich erinnere, den Muttermund öffnen oder weich machen.

Und dann wurden wir für die nächsten paar Stunden wieder in die Weiten des Krankenhauses entlassen. Ich habe den Mann gebeten, weil sich einerseits nichts getan hat und ich andererseits noch auf ein wenig Schlaf gehofft habe, in der Zwischenzeit nach Hause zu fahren und ein bisschen Zeit mit dem Kindern zu verbringen. Die kleine Tochter war ja noch nie so lange ohne uns und noch nie über Nacht weg – und die zweite Nacht bei der Oma zeichnete sich ab.
Und was machen die zwei, als Papa sie abholt und mit ihnen zu Hause spielen möchte? Nörgeln, dass sie nicht bei Oma sein dürfen.

In der Zwischenzeit habe ich mich mit neu zugelegten Ohropax hingelegt und ein wenig gedöst. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass das Baby viel weniger aktiv ist als die Tage davor. Und wenn man darüber ein wenig nachdenkt wird man unruhig. Also habe ich Hannah angerufen, weil ich wissen wollte, ob das etwas mit dem nicht mehr vorhandenen Fruchtwasser zu tun hat. Sie war schon wieder zurück im Krankenhaus und hat mich auf eine weitere Runde CTG eingeladen. Ich habe dem Mann Bescheid gegeben, der sich auch gleich wieder auf den Weg gemacht hat. Weil ich wegen dem CTG schon so gemütlich rumgelegen bin, gab es auch einen weiteren Tampon mit Nelkenöl und einen Einlauf. Alles um Wehen zu bekommen.

Von diesen Nachmittag/Abend fehlen mir die genauen Erinnerungen. Ich weiß, dass ich mit meinem Mann im Garten der Krankenhauscafeteria gesessen bin, beide mit iPhones bewaffnet. Ich im Internet herumtreibend und das, was man mit Phantasie als Wehen bezeichnen konnte, abstoppend, er mit den letzten Anweisungen ans Büro. Und ich weiß, dass ich gegen 18:00 Uhr wusste, dass der Muttermund bei 2cm ist, was ich ungläubig zur Kenntnis genommen habe. 2cm! Bis es bei der letzten Geburt soweit war, war ich schon das erste mal verzweifelt.

Verzweifelt bin ich aber trotzdem und zwar weil vorauszusehen war, dass wir beide wieder über Nacht weg sein würden und nicht bei unseren Kindern. Ich hatte ja viele Vorstellungen einer möglichen Geburt, auch, dass ich eine Woche lang auswärts schlafen muss, weil ein Kaiserschnitt notwendig gewesen war, aber zumindest der Mann wäre in der Nacht zu Hause gewesen. Ich wollte unter keinem Umständen, dass wir nicht da sind und plötzlich mit einem Baby auftauchen. Und genau das schien immer wahrscheinlicher zu werden. Und da flossen ein paar Tränchen.

Nach einer kurze Überlegung haben wir beschlossen, dass der Mann trotzdem bei mir bleibt. Es war einfach notwendig für mich, dass er da ist. Und auch wenn diese zähen Stunden im Krankenhaus unfassbar langweilig und nervenaufreibend waren, waren sie gut für uns. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir beide das letzte mal soviel Zeit für uns hatten. Nur für uns.

Es gab vor der Verabschiedung von Hannah in die Nacht nochmal ein CTG, möglicherweise auch eine Untersuchung? Ich weiß es nicht mehr. Mir wurde außerdem angekündigt, dass ich vorm Schlafen noch ein Antibiotikum bekommen würde, weil die Fruchtblase schon 24 Stunden geplatzt war. Und ich hatte in Aussicht, dass am nächsten Morgen die Geburt eingeleitet wird, weil dann 36 Stunden vergangen waren und nicht länger gewartet wird oder gewartet werden kann.

Wir haben im Zimmer auf den Arzt mit der Infusion gewartet und in der Zwischenzeit ein wenig mit dem Mann der Zimmernachbarin geredet. Die alle beide wirklich sehr nett waren. (Schlechtes Gewissen für die bösen Gedanken in der Nacht davor.)
Und dann Auftritt Ärztin, die zielstrebig meine Armbeuge ansteuert. Eine Körperstelle, an der ich höchst sensibel bin, wie mir hier wieder bewusst wird. Keine Sekunde nachdem sie gemeint hat, sie ist fertig, habe ich gemeint, die Nadel muss meinen Körper sofort wieder verlassen. Ob sie sich nicht eine andere Stelle an meinem Körper aussuchen kann? Wir haben ein paar mal hin und her diskutiert, von wegen in der Hand wäre es ja noch unangenehmer und ob ich denn wirklich lieber eine neue Nadel hätte anstatt es mit der zu probieren, die ich schon habe.
Ich habe mich überreden lassen es mit der zu probieren, die nun eben schon mal da war – aber nur unter der Voraussetzung, dass sie sofort entfernt wird, wenn das Antibiotikum durch ist.

Die nächsten Minuten habe ich damit verbracht die Flasche anzustarren und den Tropfen zuzusehen. Als der letzte durch war, habe ich nach Erlösung geläutet. Eine Hebamme kam, mit der habe ich das zuvor schon geführte Gespräch wiederholt. Auch sie hat mich beruhigt, ich kann gerne mit ihr mitkommen, sie zeigt mir, was für ein Schlauch in meinem Arm steckt und dass der ganz flexibel ist und ich ihn wirklich ruhig im Arm lassen kann. Ich müsse in den nächsten Stunden nämlich noch zweimal so eine Infusion bekommen. Ich habe mich wieder überreden lassen – unter der Voraussetzung, jederzeit zu ihr kommen zu können um das Ding loszuwerden.

Sie hat den Mann darauf hingewiesen, dass er demnächst mal heimgehen muss, was er auch tat und ich bin die nächste Stunde bewegungslos im Bett gelegen und habe versucht nicht an den Schlauch zu denken. Nach der Stunde war das Fremdkörpergefühl tatsächlich weg und ich konnte mich ins Bett kuscheln und versuchen zu schlafen. Die Nachbarin und ihr Kind waren im Land der Träume, es war alles ruhig – nur schlafen konnte ich trotzdem nicht. Zuerst war in meinem Kopf zuviel los und dann wurde das Baby wild. Mein Baby. Hat herumgeturnt, als müsste es sich von selbst einen Weg nach draußen suchen. Außerdem hat mir mein Kreuz weh getan und im liegen war es einfach zu unbequem. Ich bin, um die Zimmernachbarin nicht zu stören, auf den Gang raus gegangen. Dort waren sowohl das Baby als auch die Kreuzschmerzen friedlich. Und da war ich, mit meinem iPhone bewaffnet, auf das ich mir irgendwann die zwei CDs von Adele raufgespielt habe. Niemals hätte ich gedacht, dass ich sie wirklich im Krankenhaus anhören würde.
Um Mitternacht habe ich wieder versucht mich hinzulegen.

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