Die Geburt. Tag 3.

11 Mai

Es ist Dienstag, der 12. April 2011. ET+9.

Und als ich so da liege, stelle ich fest, dass sich die Kreuzschmerzen zu Wehen gewandelt haben. Wehen, die nicht allzu stark waren, die aber im liegen unangenehm waren und mich nicht schlafen ließen. Also bin ich wieder raus auf den Gang, spazieren, Musik hören und Wehen stoppen.
Um 2:00 Uhr habe ich mir gedacht, dass da etwas seltsam ist. Ich hatte im drei bis vier Minuten Takt Wehen, aber viel zu schwach als dass die etwas bedeuten würden. Trotzdem waren sie so regelmässig. Ich musste Hannah anrufen – die mich beruhigt hat und vorgeschlagen hat, mir Zäpfchen gegen die Schmerzen geben zu lassen, damit ich zu Schlaf komme.

Wer aber des Nachts herumirrt und einer Hebamme begegnet bekommt zu allererst einmal ein CTG verpasst. Da war wie immer alles gut und ich durfte ins Bett verschwinden. Dank der Zäpfchen haben die Wehen vorne im Bauchbereich aufgehört, die Schmerzen im Kreuz waren aber unverändert wenn ich gelegen bin. Das hieß: wieder kein Schlaf für mich. Als Alternative zum Wandern am Gang habe ich festgestellt, dass die Schmerzen im Kreuz/die Wehen viel schwächer und dreimal seltener waren, wenn ich im Schneidersitz im Bett gesessen bin. Und das habe ich auch für den Rest der Nacht gemacht. Musik hörend und im Internet surfend. Als das Internet keine Neuigkeiten für mich bereit gehalten hat, habe ich die Texte der Lieder mitgelesen.
Auch so geht eine Nacht um. Man ist aber schon etwas entnervt und durch den Schlafmangel nicht mehr allerbester Laune.

Kurz vor 6:00 Uhr hat mich die Hebamme aus der Nacht am Gang gesehen und mich auf ein CTG ein paar Minuten später eingeladen. Ein paar Minuten später stehe ich also dort wie bestellt – und nicht abgeholt. Weil sich sitzen in den letzten Stunden bewährt hat, bleibe ich einfach am Gang sitzen. Nach einer halben Stunde ist es mir aber doch zu blöd, denn ich vermute, dass sie gerade Schichtwechsel und Besprechung haben und außerdem, so nett dort auch alle sind, mag ich nur mehr mit meiner Hebamme reden. Ich beschließe wieder ins Zimmer zu gehen und mit dem CTG auf Hannah zu warten.

Während ich gewartet habe, habe ich eine vorsichtige SMS an meinen Mann geschickt, ob er denn schon wach sei und ob er heute früher kommen könne, ich würde ihn ihns Zimmer schmuggeln.

Natürlich war er schon wach und um 7:15 Uhr mit einem Frühstück bei mir im Zimmer. Irgendwie wollte mir aber nichts schmecken, hübsch machen wollte ich mich auch nicht mehr, eigentlich wollte ich nur raunzen.
Mit dem Mann neben mir habe ich mich wieder im Bett sitzend meiner Musik gewidmet und gewartet bis um 8:00 Uhr Hannah gekommen ist, die nicht sehr begeistert war, dass ich wieder kaum bis gar nicht geschlafen habe.

Wir schreiben gleich ein CTG, das wieder in Ordnung ist und bei der Untersuchung zeigt sich Unglaubliches: der Muttermund ist schon 4 cm offen! Und außerdem weich und alles, was er sonst noch sein muss, so, dass Hannah meint, eine Einleitung sei nicht notwendig und sie werde uns einen Kreißsaal besorgen, damit wir endlich ein Zimmer für uns alleine haben und uns ausruhen können.

Und plötzlich war meine Laune fabelhaft. Alles was davor war, war vergessen. Um alles perfekt zu machen, war genau der Kreißsaal frei, den ich wollte, der, in dem auch meine anderen beiden Kinder zur Welt gekommen sind bzw. wo ich mit der ersten Tochter kurz davor war, bevor ein Kaiserschnitt nötig wurde.

Wir ziehen in das Zimmer ein und, weil wir es schon so gut können, spazieren danach wieder durch das Krankenhaus – den Kreißsaal werden wir schon noch früh genug brauchen. Ich hatte ab und zu Wehen, aber nur im Kreuz und die fand ich sehr gut auszuhalten.
Für halb elf haben wir das nächste CTG mit Hannah verabredet und auch die nächste Untersuchung. Für meinen Geschmack ja viel zu früh, denn was soll in 1,5 Stunden schon passieren?

Wie sich heraus gestellt hat: viel! Nämlich nochmal um die 2 cm!

Weil ich schon gelegen bin, wollte Hannah wissen, ob sie mir den Bauch massieren soll? Damit konnte ich nicht viel anfangen, meinen Bauch hatte noch nie zuvor jemand massiert, aber warum nicht.
Die Massage war so angenehm und entspannend, dass ich gleich mal eingeschlafen bin und, mit meinem Mann neben mir liegend, auch die nächsten Wehen mehr oder weniger verschlafen habe. Nach einer halben Stunde war ich wieder fit und bin aufgestanden. Auf den Gang wollte ich nicht mehr gehen, da die Wehen im Stehen bzw. Gehen schon so stark waren, dass ich kein Publikum haben wollte, also sind wir im Kreißsaal geblieben.

Im CD-Player lief wieder meine Musik und ich bin auf und ab gegangen. Wenn eine Wehe gekommen ist, habe ich mich auf das Bett gestützt und mich von meinem Mann im Kreuz massieren lassen. Nach ein paar Wehen, wenn es mir zu viel geworden ist, habe ich mich wieder im Schneidersitz auf das Bett gesetzt, wo sie viel seltener und viel schwächer waren und gut auszuhalten. Und nach ein paar Wehen dort, bin ich wieder aufgestanden.
So ging es die nächsten Stunden hin und her.

Bei der nächsten Untersuchung um 13:30 Uhr war der Muttermund schon 8 cm geöffnet. Und erst jetzt wurden die Wehen langsam unangenehm. Diese Geburt ging bisher so einfach, ich konnte es nicht glauben.

Weil ich aber überhaupt kein Bedürfnis verspürt hatte, als tapferste Gebärende in die Geschichte einzugehen, habe ich Hannah auf Schmerzmittel angesprochen, solange noch Zeit dafür ist. Vielleicht wieder Zäpfchen, nur etwas, damit der letzte Rest nicht unerträglich wurde, aber ohne die Wehentätigkeit zu verlangsamen.

Ab 9 cm wurden die Wehen fies. So, wie ich sie eigentlich die ganze Zeit erwartet habe.
Ich wollte nicht mehr gehen, keine Musik mehr, auch mein Mann musste das Bett verlassen, weil jede kleine Berührung oder Erschütterung des Bettes unangenehm war.

Hannah hat mir eine Spritze gegen die Schmerzen gegeben, allerdings mit dem Hinweis, dass ich bei den Presswehen wohl an den Wehentropf muss. Was soll’s. Da würde ich eh nicht mehr herumlaufen wollen.

Dass die Spritze sonderlich gut oder schnell gewirkt hat, kann ich nicht behaupten. Oder, wenn sie gewirkt hat, möchte ich nicht wissen, wie es sich ohne angefühlt hätte.

Plötzlich hat sich etwas verändert. Waren das schon die Presswehen? Da war so ein Druck nach unten und ein komisches Gefühl. Mein Mann musste sofort Hannah holen, die vor der Türe war.
Kaum waren die beiden zurück, habe ich zu zittern begonnen und ich konnte nicht sagen warum. Aus Angst, weil ich glaubte, dass es gleich ernst wird? Eine Nebenwirkung der Spritze? Oder aus dem Grund, den Hannah nach der Geburt gemeint hat?

Warum es war, wusste ich nicht, weiß ich immer noch nicht, aber mit gut zureden von Hannah und meinem Mann habe ich mich wieder beruhigt und noch ein paar der fiesen Wehen ausgehalten, bevor etwa um 16:00 Uhr die Presswehen tatsächlich begonnen haben. Diese Wehen waren, wie schon bei der Geburt der kleinen Tochter, soviel leichter zu ertragen und weniger schmerzhaft als die zuvor, dass ich (natürlich auch aus Angst) nicht gleich so mitgemacht habe wie es eigentlich gegangen wäre (an den Wehentropf musste ich dann aber trotzdem nicht).
Darum hat es auch ein paar Anläufe gebraucht, bis der Kopf endlich draußen war. Aber kaum war das geschafft, war das Gefühl zu zerreißen vorbei und bei der nächsten Wehe war auch schon das ganze Baby da, das von Hannah mit „Hallo Emil“ (sie war die einzige, die außer unseren Kindern die Namen vor der Geburt erfahren hat, auch wenn es nur Minuten davor war) begrüßt wurde.
Es war 17:04 Uhr.

Ein Junge also!
Ziemlich blau/rot/dunkel (immer wieder überraschend die Hautfarbe gleich nach der Geburt), aber sofort ersichtlich, dass er anders als seine Schwestern aussieht, vor allem eine ganz andere Nase hat.

Als die Nachgeburt da war, hat Hannah festgestellt, dass sich die Plazenta teilweise abgelöst hatte und dass ich vielleicht deshalb nervös geworden bin, weil ich  das irgendwie gespürt habe.

Die nächsten 2,5 Stunden haben wir drei kuschelnd zusammen im Bett verbracht. (Mein Mann musste dazwischen kurz raus, mir etwas zu essen und trinken besorgen. Denn kaum war Emil da, ist meinem Körper wohl aufgefallen, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe. Ich war noch nie so hungrig und durstig wie in diesem Moment.)

Hannah hat in der Zwischenzeit das Bürokratische erledigt und alles vorbereitet, damit wir wie geplant ambulant nach Hause gehen können.

Nach den 2,5 Stunden ist Emil das erste mal von mir weg gekommen, aber nur um gewogen, gemessen, abgewaschen (aufs baden haben wir verzichtet) und angezogen zu werden. Und dann durfte ich auch schon aufstehen um mich anzuziehen. Um 20:15 Uhr konnten wir das Krankenhaus zusammen mit unserem Sohn (ein Sohn!!) verlassen und ihn noch vor dem Schlafen gehen seinen sehr aufgeregten Schwestern zeigen.

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3 Antworten zu “Die Geburt. Tag 3.”

  1. Katja W 11. Mai 2011 um 18:55 #

    *seufz* Hut ab, nach dem ganzen ‚Vorlauf‘ so eine tolle Geburt hinzulegen ist echt eine Leistung!

  2. Frau Bluemel 11. Mai 2011 um 21:38 #

    das klingt so unglaublich grossartig, respekt!

    (und danke für die hoffnung, dass nach einem kaiserschnitt bei der 1. geburt durchaus ein oder mehrere natürliche folgen können. und dann noch dazu so halbwegs erträgliche, wenn ich das so sagen darf)

    alles, alles liebe und gute weiterhin! (und wenn sie „können“, lassen sie uns doch nochmal luschern – die sind so hach, die frischgepressten 😉

  3. Schussel 12. Mai 2011 um 16:09 #

    Nach diesem Bericht möchte man glatt nochmal zu dieser Leistung gratulieren :))
    Schön, dass es so ein gutes Ende für Dich genommen hat, auch wenn Du jede Menge Geduld brauchtest. Ein Monat schon wieder? Wahnsinn.

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