Mein Vater

12 Okt

Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.
Ich liege seit 2,5 Stunden wach im Bett (es ist 4:00 Uhr) und in meinem Kopf dreht sich alles.
Gestern, streng genommen vorgestern, ist mein Vater gestorben.
Ich bin so traurig – aber auch erleichtert. Nachdem mir ein paar Leute gesagt haben, dass ich das fühlen darf, traue ich mich jetzt auch das nieder zu schreiben. Ein schlechtes gewissen habe ich trotzdem.
Mein Vater war krank, sehr krank.

Begonnen hat es vor etwa 17 Jahren. Da wurde ihm, ich weiß gar nicht mehr warum, die Milz entfernt. Nichts tragisches, aber damit hat es begonnen.
Dann kam der erste Herzinfarkt, der erste Schlaganfall, der zweite Herzinfarkt und der zweite Schlaganfall. Alles ohne bleibende Schäden, zumindest ohne körperliche.

Vor acht Jahren im Sommer dann die Diagnose Knochenmarkkrebs. Unheilbar, weil da ja nichts ist, was man wegschneiden kann, bestrahlen kann. Es folgte eine schlimme, schlimme erste Chemotherapie. Inklusive Hochdosistherapie, wo er abgeschottet von allen lag, weil er kein Immunsystem hatte, man nur zu ihm durfte, wenn man sich umgezogen und vermummt hatte.

Als ich ihn das letzte mal in diesen keimfreien Zimmer besucht habe, war ich schwanger mit meiner ersten Tochter. Die es wohl nie gegeben hätte, wäre er nicht krank geworden. Ich weiß noch, wie ich zwei Tage nach der Diagnose bei meiner Freundin gesessen bin, wir beide heulend, weil mein Vater meine Kinder nicht kennen lernen wird. Kinder, die ich bis dahin noch gar nicht haben wollte.

Ich weiß auch noch, wie mein Vater Tränen in den Augen hatte, als wir im von der Schwangerschaft erzählt haben.

Irgendwann war die Chemotherapie doch zu Ende. Und entgegen allen Statistiken war der nächste Krebsausbruch erst drei Jahre später.
Zur gleichen Zeit, als ein österreichischer Musiker ein Krebs gestorben ist. Was bei mir wieder Panik ausgelöst hat. Was, wenn mein Vater nicht bei meiner Hochzeit dabei sein kann? Eine Hochzeit, die noch gar nicht geplant war, man hat ja schließlich alle Zeit der Welt.
Also wird acht Wochen später geheiratet. Mehr oder weniger heimlich, im kleinen Kreis. Weil ich einerseits gar kein Tamtam brauche, aber andererseits ständig die Angst hatte, dass mein Vater nicht kann und wir absagen müssen. Er war ja schließlich wieder mitten in einer Chemotherapie. Und fast wäre es auch dazu gekommen, weil er vier Tage vor der Hochzeit ins Spital kam. Am Abend vor der Hochzeit kam er nach Hause.
Schon schwer gezeichnet von den Nebenwirkungen der Therapie. Sie wurde deshalb auch vorzeitig abgebrochen, weil seine Hände und Füße eine neuropathie entwickelt haben. (sagt man so? Ich weiß es nicht.)

Das bleib auch bis zuletzt, was für meinen Vater, der sein ganzes Leben mit seinem Händen gearbeitet hat, sehr schwer war. Er konnte mit Mühe noch einen Stift halten um seine sudokos zu lösen. Viel mehr als das, Fernsehen und ein- bis zweimal wöchentlich Karten zu spielen hat er die letzten Jahre nicht mehr gemacht.

Ich wollte vor zwei Wochen mit ihm schimpfen.
Denn als meine Mutter vor drei Wochen auf „Urlaub“ war (eine Reise mit ihren zwei 80jährigen Schwestern zurück in den Heimatort aus dem sie vertrieben wurden und wo sie danach in ein Konzentrati.onslager gesteckt wurden, dessen Reste sie auch besucht haben, fällt mir schwer als Urlaub zu bezeichnen), war mein Vater so aktiv, wie ich ihn schon lange nicht mehr gesehen habe. Zweimal war er bei mir essen, zweimal ist er zu Bekannten gefahren (!), meinen Bruder hat er in ein Lokal eingeladen, beim Friseur war er, beim Notar (etwas beim Testament ändern lassen…), ich habe ihn im Garten arbeiten gesehen.
Ich habe noch mit meiner Schwester gescherzt, dass er das jetzt nur macht, um sich sofort wieder auf das Sofa legen zu können, wenn meine Mutter zurück ist.
So war es dann auch in etwa.

Zu den gleichen Bekannten, zu denen er ein paar Tage vorher noch gefahren ist, ist meine Mutter nach ihrer Rückkehr alleine gefahren.

Als ich vorletzten Donnerstag zu ihnen gefahren bin und ich ihm eigentlich sagen wollte, dass ich das nicht in Ordnung finde, dass er nichts mit meiner Mutter unternimmt, war er nicht mehr da. In der früh ist er ohnmächtig geworden und wurde ins Spital gebracht. Mal wieder Lungenentzündung. Davon hatte er in den letzten Jahren viele.

Am Freitag ist meine Mutter vom Besuch bei ihm heim gekommen und hat gemeint, es geht ihm nicht gut. Am Samstag, als ich ihn zu Mittag besuchen wollte, hat sie mich angerufen, ich soll nicht mit den Kindern hingehen, er hustet Blut. Ich war dort, die Kinder waren vor der türe bei meinem Mann, und es war dann eigentlich nicht so schlimm.
Ich bin ja hingegangen in der annahme, es geht ihm so schlecht, ich sehe ihn zum letzten mal. Sein Anblick hat mich dann aber wieder aufgebaut. Er hing zwar an vielen Kabeln und Schläuchen, aber sah gut aus, war gut drauf und das Fieber war von 40 grad auf erhöhte Temperatur gesunken.

Ich war dann erst wieder am nächsten Samstag dort. Ich mag Spitäler nicht. Ich mochte aber noch viel mehr nicht die Ungewissheit, was einen erwartet wenn man rein geht. Geht es ihm gut? Oder nicht?

Und obwohl ich die Woche über, von Erzählungen meiner Mutter, dachte, es wird besser, fand ich das letzten Samstag nicht. Er hatte im ganzen Körper Wassereinlagerungen. Auch in der Lunge, weshalb er auch nur sehr schlecht Luft bekam. Und durch das wasser sah auch sein Gesicht verändert aus. Er sah krank, alt und arm aus.

Ich bin etwas traurig, weil das unser letztes treffen war. Es war noch ein Patient mit Besuch im Zimmer, meine Mutter war da – es war nicht ein verabschieden sondern nur ein Besuch eben. Wir sehen uns ja bald wieder.
(das treffen eine Woche davor war zumindest kurzzeitig intimer und darüber bin ich sehr sehr froh)

Montag morgen wurde mein Vater tot im Badezimmer aufgefunden. Wahrscheinlich war es das Herz.

Eine grauenhafte Vorstellung für mich, dass er alleine war, dass keiner bei ihm war. Und weil ich glaube, dass ich da schon länger lag. Das sagt zwar keiner, aber ich glaube es einfach.

Und noch immer, auch wenn die Traurigkeit immer größer wird, bin ich erleichtert. Er hatte ein glückliches leben, von den Krankheiten abgesehen. Er hatte eine ganz besondere familie, die ihm sehr viel bedeutet hat und er uns auch.

Und er hat alle meine drei Kinder kennen gelernt. Darüber bin ich unendlich froh.

Er wird mir so fehlen.

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11 Antworten zu “Mein Vater”

  1. wunschwolke 12. Oktober 2011 um 06:49 #

    Ich weiß gar nicht ob du möchtest, dass hier kommentiert wird, aber nachdem du die Kommentare nicht ausgeschaltet hast mach ich das jetzt einfach.

    Es tut mir sehr leid, dass dein Vater gestorben ist. Mehr noch, dass seine letzten Jahre von der Krankheit geprägt waren. Das muss sehr schwer für euch alle gewesen sein.

    Das er vor seinem Tod noch Bekannte besucht hat usw., dass ist, was man öfter hört. Nochmal alle Sachen regeln, liebe Gesichter sehen. Auch wenn man nicht 100%ig weiß wann man stirbt. – und dass du dir dabei Gedanken um deine Mutter gemacht hast ist auch sehr verständlich. Hab kein schlechtes Gewissen. Wann „es“ soweit ist konntest du unmöglich wissen. Und Erleichterung ist sehr normal. Du bist auch für ihn erleichtert. Jetzt muss er sich nicht mehr quälen.

    Ich finde es schön, dass du so liebevoll von deinem Vater schreibst. Deine Herzlichkeit hat er bestimmt bis zuletzt gespürt.

    Ich denke ganz viel an dich und schicke dir Kraft.

  2. seenia 12. Oktober 2011 um 07:20 #

    es ist wunderschön geschrieben mit viel liebe und dankbarkeit. und trotzdem ist es so unheimlich traurig.
    ich schick dir viel kraft und denke an dich! alles liebe!

  3. dusi 12. Oktober 2011 um 07:31 #

  4. Mama Miez 12. Oktober 2011 um 07:40 #

    .
    (in Gedanken ständig bei Dir)

  5. frauniepi 12. Oktober 2011 um 07:58 #

    ich denke so oft an dich, euch in den letzten tagen. es tut mir so leid.
    als meine großmutter nach langer krankheit starb sagte man mir auch, es wäre besser so für sie gewesen. und ich war einfach nur egoistisch wütend darüber, denn für mich war es nicht besser. was sollte daran besser sein, daß ich nun hier lag, zu nichts mehr fähig, rotz und wasser heulend? es dauerte sehr lange, bis ich es auch so sehen konnte.
    gleichzeitig war ich auf einer anderen ebene erleichtert, daß ihr leiden ein ende hatte.
    ich wünsche dir so viel kraft, stärke und liebe die nächste schwere zeit zu überstehen. ich denke an dich.

  6. FrauPerle 12. Oktober 2011 um 11:59 #

    ((♥))

  7. daniela 12. Oktober 2011 um 13:18 #

    Fühl dich gedrück, ich schick dir und deiner Familie alle Kraft der Welt. Es gibt bei so einer traurigen Sache kein richtiges oder falsches Fühlen, Denken oder Handeln. Mach dir bloß in keinster Weise auch nur irgendeinen Vorwurf, das zerfrisst einen nur und macht einem die Trauer, die man braucht und zulassen muss, nur kaputt. Das ist leichter gesagt als getan, ich weiß das nur all zu gut… Ich umarme dich gedanklich ganz fest!

  8. Fraumuemmel 12. Oktober 2011 um 15:24 #

    Es tut mir sehr leid!

  9. Katja W 12. Oktober 2011 um 20:59 #

    Ich musste neulich eine Beileidskarte kaufen und fand eine mit diesen kurzen, aber wie ich finde tröstlichen Worten: Das Leben endet, die Liebe nicht. Ich wünsche dir, euch ganz viel Kraft.

  10. Das Muttertier 12. Oktober 2011 um 21:09 #

    Ich kann die Liebe zu Deinem Vater spüren.

    Mein Beileid!

  11. rage 13. Oktober 2011 um 19:32 #

    aus jedem dieser worte spricht diese liebe, die eine tochter zu ihrem vater hat. hatte. der vater ist nicht mehr, doch die liebe, wie jemand erwähnte, ist geblieben. und wird auch bleiben. und er, wo immer er jetzt ist, wird sie spüren. solange es dich gibt, solange an ihn erinnert wird.

    er ist bei dir, jeden tag. und ich, in gedanken, ebenso.

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